
I swear von Kirk Jones: Verständnis beginnt nicht damit, dass ein Mensch lernt, weniger aufzufallen – sondern damit, dass seine Umgebung aufhört, ihn für sein Anderssein zu bestrafen.
Flucht jemand laut, vulgär und ausgiebig, ist der Witz über das Tourette-Syndrom meist nicht weit. Doch was gerne als Scherz abgetan wird, ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, über die erstaunlich wenig bekannt ist – und noch weniger darüber, was sie für die Betroffenen im Alltag bedeutet. Dabei wurde das Syndrom bereits im 19. Jahrhundert wissenschaftlich beschrieben und später nach dem französischen Neurologen Georges Gilles de la Tourette (1857–1904) benannt.
Vor allem, wer an der sogenannten Koprolalie leidet, dem unwillkürlichen Ausstoßen obszöner oder tabuisierter Wörter, wird nahezu unweigerlich mit gesellschaftlicher Ausgrenzung konfrontiert – und genau hier setzt Kirk Jones mit seinem Film I Swear an.
Erträglich für die Gesellschaft werden?
Das Biopic erzählt die Geschichte des 1971 geborenen Schotten John Davidson (Robert Aramayo), bei dem sich während der Pubertät immer stärkere motorische und vokale Tics manifestieren. Was mit ihm geschieht, kann damals jedoch kaum jemand einordnen. Sein Verhalten wird als rebellisch, provozierend und asozial missverstanden. In der Schule reagiert man nicht mit Hilfe, sondern mit Strafe. John wird gedemütigt und geschlagen und schließlich der Schule verwiesen – Erfahrungen, die seinen weiteren Lebensweg entscheidend prägen.
Auch medizinisch weiß man wenig mit ihm anzufangen. Statt Verständnis für seine Erkrankung zu finden, gilt John als psychiatrischer Fall und wird mit starken Medikamenten ruhiggestellt. Es scheint weniger darum zu gehen, ihm zu helfen, als vielmehr darum, ihn für seine Umwelt erträglicher und damit „gesellschaftsfähiger“ zu machen.
Eine entscheidende Wendung bringt das zufällige Wiedersehen mit seinem früheren Schulfreund Murray (Francesco Piacentini-Smith) und dessen Mutter Dottie (Maxine Peake). Dottie ist Krankenschwester, nimmt John in ihre Familie auf und besitzt etwas, das ihm bis dahin nur selten begegnet ist: Gelassenheit. Sie weiß mit seinen Tics umzugehen, ohne aus jedem Ausbruch ein Drama zu machen. Vor allem aber akzeptiert sie John, anstatt ihn ständig verändern zu wollen.
So findet er schließlich auch Arbeit als Gehilfe des Hausmeisters Tommy (Peter Mullan) in einem Gemeindezentrum. Dieser macht nicht viele Worte um Johns Tourette – und darin liegt die Stärke der Beziehung. John bekommt etwas, das für andere selbstverständlich ist: die Möglichkeit, einfach seinen Platz im Alltag zu finden.
Kirk Jones geht es in seinem Film weniger um eine medizinische Erklärung des Tourette-Syndroms als vielmehr um die Frage, was Unwissenheit und Vorurteile mit einem Menschen anrichten können. Denn Johns Tics sind nur ein Teil seines Leidensweges. Mindestens ebenso schwer wiegt die Reaktion seiner Umwelt auf sein Verhalten: das Lachen, die Ablehnung, die Gewalt, die Bestrafung und die ständige Erwartung, er müsse sich doch nur zusammenreißen.
Trotzdem ist I Swear kein durchgehend schwerer oder bedrückender Film. Jones lässt auch komische Situationen zu, ohne John selbst zur Witzfigur zu machen. Das ist ein entscheidender Unterschied. Der Humor entsteht dabei aus dem Zusammenprall seiner unkontrollierbaren Äußerungen mit einer Gesellschaft, in der man möglichst jederzeit die Kontrolle über sich bewahren soll.
Getragen wird der Film primär von Robert Aramayo. Ihm gelingt es, John Davidson glaubwürdig darzustellen, ohne dass die Tics zur bloßen schauspielerischen Nummer werden. Hinter ihnen bleibt immer der Mensch sichtbar: verletzlich und verzweifelt, aber auch wütend, eigensinnig und komisch. Für die bemerkenswerte Leistung wurde Aramayo 2026 zu Recht mit dem BAFTA als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Auch Maxine Peake und Peter Mullan überzeugen, gerade weil ihre Figuren Johns Leben verändern, ohne als „idealisierte Helferfiguren“ inszeniert zu werden.
I Swear ist ein Film über Empathie und Akzeptanz – und darüber, wie viel Leid entsteht, wenn sie fehlen. Nicht John Davidson muss sich der Gesellschaft anpassen – die Gesellschaft muss lernen, mit dem Anderssein ihrer Mitglieder umzugehen.
Ein sehr sehenswerter Film für ein breites Publikum – und besonders einer, den man sich im Schulunterricht wünscht.
(C.J.F. Schiltz 2026)
