Niederkaltenkirchen: herrlich provinziell und unkonventionell!

Pünktlich einige Wochen vor Bayerns wichtigstem „Kulturereignis“, dem Oktoberfest, kommt mit Steckerlfischfiasko der zehnte Eberhofer-Krimi ins Kino – und die Niederbayern setzen der Münchner Wiesn ihre ganz eigene Volksfestgeschichte entgegen. Diesmal ermitteln Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel) und Rudi Birkenberger (Simon Schwarz) im Mordfall eines Steckerlfisch-Unternehmers (Christian Tramitz), der tot auf einem Golfplatz gefunden wird. Führt die Spur zu einer Fehde zwischen zwei rivalisierenden Schaustellerfamilien? Parallel bringt Susis (Lisa Maria Potthoff) Kandidatur für das Bürgermeisteramt zusätzliche Unruhe nach Niederkaltenkirchen. Der fiktive niederbayerische Ort im Umland von Landshut bildet erneut den Schauplatz des Geschehens.

Doch worin liegt der anhaltende Reiz einer Krimireihe, in der ausgerechnet der Kriminalfall meist Nebensache bleibt? Die Antwort liegt in Niederkaltenkirchen selbst. Nicht Mord, Motiv und Täter stehen im Mittelpunkt, sondern seine Bewohner:innen, ihre Eigenheiten und vor allem die hervorragend geschriebenen, von trockenem Sarkasmus getragenen Dialoge, die Stefan Betz und Regisseur Ed Herzog auf Grundlage der Romane von Rita Falk für die Leinwand adaptieren.

Atypisches Landmilieu

Dem Münchner Großstadtgeist setzt die Reihe eine bewusst anachronistisch-unkonventionelle Dorfwelt entgegen. Hier fährt man gemeinsam mit dem Moped durch die Straßen, trifft sich nicht im Lounge-Club, sondern im Wirtshaus mit Jukebox, und selbst Eberhofers betagter BMW muss noch als Polizeiwagen genügen. Alter Bauernhof statt Neubauvilla, Stammtisch statt Clubkultur: Steckerlfischfiasko kultiviert eine Nostalgie für eine Zeit, in der Digitalisierung, Statussymbole und permanente Selbstoptimierung noch nicht jeden Winkel des Alltags dominierten.

Aber auch zeitgenössische Themen wie Nachhaltigkeit werden in diese Welt integriert und zugleich mit sichtbarer Freude ins Komische überführt. Rudi etwa treibt seinen persönlichen Ressourcenschutz so weit, dass selbst die Körperhygiene zur ökologischer Verhandlungssache wird. Dass er sich von den zusehends verzweifelten Reaktionen seines Umfelds nicht beirren lässt, gehört zu den typisch Eberhoferschen Pointen: Aus persönlicher Überzeugung wird „unbeugsames Engagement“ – und aus Konsequenz nicht selten eine gehörige Portion Sturheit.

Auch Eberhofers Vater (Eisi Gulp) bleibt der unbeirrbare Gegenredner zur „schönen neuen Konsumwelt“, schimpft über die „Schandtaten“ moderner Stadtarchitektur und hässliche Reihenhäuser. Diesem von Konsum und Individualisierung geprägten Lebensmodell stellt der Film eine Dorfgemeinschaft entgegen, in der Zusammenhalt und das Miteinander der Generationen noch selbstverständlich erscheinen. Von der Oma (Enzi Fuchs) bis zu Franz’ Sohn Paul (Pelle Küffner) sind Jung und Alt fest in das Gemeinschaftsleben Niederkaltenkirchens eingebunden.

Nach zehn Filmen machen sich allerdings vereinzelt erste Verschleißerscheinungen bemerkbar. Bei einer derart erfolgreichen und langlebigen Reihe birgt der anhaltende Erfolg leider auch das Risiko, dass sich das bewährte Rezept irgendwann erschöpft. Wo einst spritzige Einfälle überraschten, schleichen sich inzwischen vereinzelt vorhersehbare Pointen ein.

Das zeigt sich etwa an Pauls Wunsch nach einem Tütü. Die Szene im Ballettgeschäft ist charmant gespielt und ist durchaus amüsant inszeniert; die zugrunde liegende Idee – ein Junge widersetzt sich traditionellen Geschlechterbildern – ist jedoch spätestens seit Billy Elliot (2000) so vertraut, dass sie allein kaum noch für Überraschung sorgt.

Bemerkenswert ist jedoch weniger das Hinterfragen klassischer Gesellschaftsrollen, als vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der zeitgemäße Vorstellungen in der traditionellen Dorfwelt ihren Stellenwert finden.

Dörfliche Unbeschwertheit

Und darin liegt vielleicht das eigentliche Erfolgsgeheimnis der Reihe. Steckerlfischfiasko zeichnet das Dorf nicht als rückständigen Gegenentwurf zur Moderne. Stattdessen bricht der Film mit den üblichen Zuschreibungen von Spießigkeit, Engstirnigkeit und Fremdenfeindlichkeit. Niederkaltenkirchen darf traditionsbewusst sein, ohne deshalb in der Vergangenheit zu leben. Mehr noch: Der Film kehrt die üblichen Rollen sogar um: In puncto Aufgeschlossenheit hat die Dorfbevölkerung der Stadtbevölkerung mitunter einiges voraus. Denn der „ruralen Unbeschwertheit“ gegenüber dem Großstadtleben lässt sich einiges abgewinnen: dem gelassenen Trotz gegen Statusdenken und gesellschaftlichen Erwartungen und nicht zuletzt dem Beharren auf persönlicher Selbstbestimmung.

Fortschritt und Tradition erscheinen hier nicht als Gegensätze. Weltoffenheit, Nachhaltigkeit oder die Loslösung von herrkömmlichen Rollenmustern finden ihren Platz neben Wirtshaus, Moped, Bauernhof und Dorfklatsch. Dabei trägt der Film diese Botschaften nicht als pädagogisches Programm vor sich her, sondern überlässt sie seinen eigenwilligen Figuren und bewahrt folglich sein besonderes Flair.

Auch beim zehnten Besuch in Niederkaltenkirchen steht deshalb weniger die Frage im Mittelpunkt, wer den Mord begangen hat, als vielmehr, ob man noch einmal Zeit mit den Niederkaltenkirchener:innen verbringen möchte. Die Antwort darauf fällt eindeutig aus: Ja.

(C.J.F.Schiltz 2026)

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