
Ein Filmporträt von Kirill Serebrennikow basierend auf dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez.
Es ist ein Schandfleck der deutschen Nachkriegsgeschichte: Josef Mengele, der Arzt von Auschwitz, der über Leben und Tod entschied, Kinder zu medizinischen Experimenten missbrauchte, Menschen verstümmelte und zu Tode quälte – dieser Mann wurde niemals gefasst, niemals verurteilt. Jahrzehntelang bis zu seinem Lebensende konnte er sich der Justiz entziehen. Dank alter Nazi-Netzwerke, bürokratischer Ignoranz, korrupter Politiker und des stillen Einverständnisses vieler Mitwisser unter anderem seiner eigenen Familie.
„Das Verschwinden des Josef Mengele“ erinnert an diesen moralischen Bankrott – und tut es mit beklemmender Präzision. Der Film, in strengen Schwarz-Weiß-Bildern gedreht, zeigt den Flüchtigen in der BRD, in Argentinien und Brasilien, wo sich einst viele NS-Verbrecher versteckten. Nur in Rückblenden, die farbig aufleuchten, wird die Vergangenheit sichtbar: das Grauen von Auschwitz, das Mengele in wissenschaftliche Routine kleidet. So schafft der Film eine doppelte Chronik – die eines Mörders und die einer Welt, die ihn gewähren ließ.
Überzeugender August Diehl
August Diehl spielt diesen Josef Mengele glaubhaft. Er zeigt keinen toten Mythos, sondern einen lebenden Abgrund: einen Mann, der sich selbst als Leidtragender sieht, der seine Verbrechen als Dienst an der Menschheit verklärt – ein „Wohltäter und Retter“ des deutschen Kulturerbes, dem die Welt statt Anerkennung nur Undank zollt.In jeder Geste, jedem Blick gelingt es Diehl diese selbstgerechte und groteske Opferpose, die im Nachkriegseuropa etliche Nazi-Täter trugen, sichtbar darzustellen. Diehl weiß dem Publikum zu vermitteln, das Monster braucht keine Fratze – es trägt sowohl die Züge eines großbürgerlichen Intellektuellen als auch eines absoluten Überzeugten der Nazi-Ideologie.
Komplizenschaft der Familie
Höchst bemerkenswert: Der Film wagt sich zudem an eine unbequeme Frage, die selten offen gestellt wurde: Welche Verantwortung tragen jene, die ihn deckten? Abgesehen vom Netzwerk der Altnazis, das in Südamerika auf eine Wiederkehr der alten Zeit hoffte, rückt Serebrennikows Werk Mengeles Familie in den Vordergrund, die ihn finanziell unterstützte, Kontakte vermittelte, ihm half, unterzutauchen. Besonders die Begegnung mit seinem Sohn im Jahr 1977 – Rolf, der ihn unter falschem Namen in Brasilien besuchte – zeigt das Dilemma einer Generation, die das Unfassbare nicht wahrhaben wollte und dennoch ahnte.
Anklage gegen das Verdrängen
„Das Verschwinden des Josef Mengele“ ist kein klassisches Biopic, sondern eine Anklage gegen ein Nachkriegssystem, das wegsehen wollte, und gegen eine Gesellschaft, die lieber vergaß. Der Film macht wütend – und das ist seine größte Stärke. Er erinnert uns daran, dass unzählige Täter des Nationalsozialismus mitten unter uns unbeschwert weiterlebten, unterstützt, gedeckt, finanziert.
Josef Mengele starb 1979 an einem Schlaganfall – unbehelligt, vergessen in einem brasilianischen Badeort. Das Drama macht diesen politischen Skandal der Straflosigkeit unmissverständlich deutlich und erinnert daran, dass Vergessen nie neutral ist, sondern stets Komplizenschaft bedeutet.
C.J.F. Schiltz 2025
