
Wir schreiben das Jahr 1982, eine Zeit lange vor Smartphones und Internet, in der Fernsehen, Radio und Telefon noch den Kontakt zur Außenwelt ermöglichen – doch schon bald wird dieser vollständig abreißen.
In der fiktiven amerikanischen Kleinstadt Flowervale, Michigan, lebt die Familie Platt mit ihren beiden Kindern in einem schmucken Vorstadthaus mit Vorgarten und Garage. Doch hinter der Fassade des beschaulichen Vorstadtidylls kriselt es zwischen den Eheleuten: Während Greg (Ewan McGregor) nach dem Verlust seines Jobs als Pizzalieferant arbeitet, träumt Denise (Anne Hathaway) von einer Karriere als Schriftstellerin und fühlt sich von ihrem Mann in ihren Ambitionen weder ernst genommen noch unterstützt.
Auch die Kinder Brian (Christian Convery) und Audrey (Maisy Stella) haben längst ihre eigenen Sorgen. Während Brian mit einem gewalttätigen Schulkameraden zu kämpfen hat, träumt Audrey von einem Astrophysikstudium. Und dann wäre da noch Familienhund Starbuck, der regelmäßig ausbüchst und bevorzugt den Garten des ohnehin wenig erfreuten Nachbarn heimsucht.
Doch diese Alltagssorgen werden über Nacht bedeutungslos. Als die Platts eines Morgens erwachen, wird ihre beschauliche Vorstadt von einer prähistorischen Tierwelt bevölkert. Strom und Wasserversorgung sind zusammengebrochen, Radio und Telefon verstummt. Und schnell zeigt sich: Auch die Flucht mit dem Auto führt nirgendwohin. Ausgerechnet die von einem Astrophysikstudium träumende Audrey liefert schließlich eine mögliche Erklärung: Ein Wurmloch könnte die Familie Millionen Jahre in die Vergangenheit geschleudert haben. Ihre einzige Hoffnung wäre demnach, das Auftauchen eines weiteren Wurmlochs abzuwarten.
Von diesem Moment an entwickelt sich der Film zu einer rasanten Flucht durch die Urzeit. Regisseur David Robert Mitchell lässt ein enormes prähistorisches Bestiarium auffahren, das vom Stegosaurus und Coelophysis bis zu Pterosauriern, Titanoboa und Megalochelys reicht. Paläontologische Ordnung ist dabei offenbar zweitrangig: Kreidezeit, Jura, Trias und sogar das Känozoikum werden unbekümmert miteinander vermischt.
Doch Mitchell nutzt die Begegnungen mit den prähistorischen Kreaturen nicht allein für Spannung und Spektakel. Immer wieder macht er aus seinen Protagonisten hilflose Winzlinge. Fast fühlt man sich an Jonathan Swifts Gullivers Reisen und das Riesenreich Brobdingnag erinnert: Der Mensch, der sich gewöhnlich als Beherrscher seiner Umwelt versteht, schrumpft angesichts dieser Kreaturen zur beinahe bedeutungslosen Beute. Darin liegt auch ein beträchtlicher Teil des Humors: Mitchell demontiert ironisch die Vorstellung vom Menschen als Krone der Schöpfung.
Unterstützt wird dieser Eindruck durch die Bildgestaltung. Insbesondere in den großformatigen IMAX-Bildern entfalten die Riesenechsen eine überwältigende physische Präsenz, während die Menschen ihnen gegenüber beinahe am unteren Bildrand verschwinden. Umso reizvoller ist der Kontrast zur detailverliebten Rekonstruktion der frühen Achtzigerjahre, deren vertraute Vorstadtwelt mit der plötzlich hereinbrechenden Urzeit aufeinanderprallt.
The End of Oak Street verbindet die familiären Konflikte der Platts geschickt mit einem spannenden Science-Fiction-Abenteuer, in dem die spektakulären Begegnungen mit den Riesenechsen für reichlich Spannung sorgen. Lediglich im Finale verliert der Film etwas von seiner zuvor entwickelten Konsequenz: Nach dem turbulenten Geschehen wirkt der versöhnliche Schluss eine Spur zu süß und zu brav.
(C.J.F.Schiltz 2026)
